Ein Leipziger in Potsdam

Gerhard Karsch restauriert Hohenzollern-Möbel meisterlich

Als Lord Carrington, einst Generalsekretär der Nato und später Chef des Auktionshauses Christie’s das Schloß Charlottenburg besuchte, hatte er einen persönlichen Wunsch: In der frisch renovierten barocken Pracht gefielen ihm die fast einfachen Wandblaker mit Spiegeln und einem vergoldeten Kerzenarm, die Preußens erste Königin Sophie Charlotte vor dreihundert Jahren in großer Zahl anfertigen ließ, so gut, daß er gern Kopien gehabt hätte. Jetzt könnte ihm geholfen werden. Am nördlichen Rand von Leipzig in der Mommsenstraße richtete sich Gerhard Karsch vor drei Jahren eine Metallwerkstatt ein, um die ihn jeder Ziseleur, Feuervergolder und Möbelbauer des 18. Jahrhunderts beneidet hätte. Mit modernster Technik und alter Handwerkskunst restauriert und rekonstruiert er hier Möbel, Beschläge und Kunstobjekte des 17. und 18. Jahrhunderts. Unmittelbar nach der Wende hatte er – damals ohne die aufwendige Technik -, die im Feuersturm des Krieges beschädigten Blaker von Charlottenburg repariert und fehlende neu angefertigt. Einst war Feuervergoldung wegen hoher Kosten und Gefahren für die Gesundheit ein Privileg für den Bedarf von Königen und Fürsten. Zusammen mit einem Chemiker baute Karsch eine technisch aufwendige Anlage, die ihm erlaubt, selbst größeren Objekten gefahrlos den unnachahmlichen Glanz einer Feuervergoldung zu geben.

Krieg und Nachkriegszeit haben in den über dreißig Anlagen der Stiftung preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg schwere Schäden hinterlassen. Für einen so vielseitig begabten Meister der Restauration wie Gerhard Karsch gäbe es hier lebenslange Beschäftigung. Doch er hat zwei Probleme: vor allem die knappen Kassen der Stiftung, aber auch die Begrenzung seiner eigenen Kapazität. Karsch fehlt Zeit und Geld, um Schüler nach seinen hohen Ansprüchen auszubilden. Seine bisher einzige Hilfe ist Anette Haehne, eine junge Graveurin, die sich im Fernstudium als Möbelrestauratorin weiterbildet und seit über einem Jahr an ihrem Gesellenstück, der Kopie einer Boulle-Uhr, arbeitet. Fast entschuldigend erklärt der sympathische Sachse, daß schon im 18. Jahrhundert berühmte Möbelbauer keine Reichtümer sammeln konnten, manchmal sogar über der säumigen Zahlungsmoral ihrer hochadligen Auftraggeber pleite gingen.

Karsch hat sich immer seine Aufgaben gesucht. Bis zur Wende arbeitete er im Leipziger VEB-Auktionshaus. Hier lernte er vor allem die Restaurierung von Barockmöbeln, von denen alle wertvollen Stücke über Schalck-Golodkowski gegen harte Devisen in den Westen wanderten. Als das Auktionshaus nach der Wende die Tore schloß, stellte Karsch sich auf eigene Füße. In mehr als tausend Arbeitsstunden baute er ganz allein eine Potsdamer Rokoko-Kommode von Heinrich Wilhelm Spindler in farbigen Hölzern mit Ormolu-Beschlägen nach. In den Werkstätten der namhaften Möbelbauer des 18. Jahrhunderts gab es noch für jede Arbeit Spezialisten: für Korpus, Intarsien und Beschläge. Mit seinem Kunstwerk stellte sich Karsch bei der Schlösserverwaltung in Potsdam vor. Das war der Schlüssel zu einer schon über zehn Jahre dauernden Zusammenarbeit, die ihn jetzt in das 1787 bis 1791 von Friedrich Wilhelm II. erbaute Marmorpalais führte. Direkt nach dem Krieg diente es sowjetischen Offizieren als Kasino, später wurde es Armeemuseum der DDR. Manch sowjetischer Soldat hielt die feuervergoldeten Ornamente, Beschläge, Türklinken und Leuchter offenbar für pures Gold und nahm sie mit.

Ein Paar über zwei Meter hoher Kandelaber mit Mahagonischäften und jeweils zehn Ormolu-Kerzenarmen, einst im Potsdamer Stadtschloß, wurden hier zu Zeugnissen perfekter Restaurierung, bei der Karsch einige der abgebrochenen Arme vollständig rekonstruieren mußte. Für die Räder der Staatskutsche von Friedrich Wilhelm II. schnitzte er die Schmuckblätter in Lindenholz als Positiv für eine Gußform. Die Blütenfestons für den Kamin im Landschaftszimmer des Marmorpalais, die ebenfalls gegossen und feuervergoldet werden, schafft er in kunstvoller Schnitzerei neu – ein großer Auftrag, der seiner Meisterschaft entspricht.


Juliane Stephan, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. November 2002, Nr. 45